Bereits seit Ende letzten Jahres sind die Begriffe Reflation,
reflationäre Maßnahmen und reflationäre Geschäfte unter Ökonomen und in
Finanzkreisen beliebte Themen für Diskussionen. Die Finanzmärkte
verfolgen aufmerksam den Anstieg der Inflationserwartungen und bewerten
die Auswirkungen der zyklischen Erholung auf die Renditen von
Staatsanleihen und die Maßnahmen der Notenbanken. Für den Kapitalanleger
stellt sich hier die Frage: Warum ist das so wichtig und welche
Auswirkungen könnten die aktuellen makroökonomischen Entwicklungen für
die Finanzmärkte in den kommenden Quartalen haben?
Entwicklung der Anlagemärkte im April 2021
Die Kapitalmärkte konnten im April durch robuste
Konjunkturindikatoren, den rasanten Impfprozess in den USA, fallende
Anleiherenditen sowie einem starken Start der Berichtssaison die
Aufwärtsbewegung weiter stützen. So konnten die amerikanischen
Aktienmärkte einen starken April, unterstützt von einer kräftigen
Abwertung des US-Dollars verzeichneten . So konnten der marktbreite S&P 500 Index mit +5,2 Prozent als auch der NASDAQ 100 Index mit +5,9 Prozent neue Rekordstände markierten. Der Dow Jones Industrial Average Index
handelte dabei erstmals über 34.000 Punkten. Auf dem europäischen
Kontinent fiel die Bilanz dagegen gemischter aus. Während deutsche und
skandinavische Börsen nur leichte Kursgewinne verzeichneten, konnten
Frankreichs und Spaniens Leitindizes deutlich zulegen.

Der DAX Index kam auf einen Zuwachs von +0,9 Prozent und auch der Eurostoxx 50 Index legte um +1,4 Prozent zu. Der britische FTSE 100 Index
stieg aufgrund der Öffnungsperspektive nach dem schnellen
Impffortschritt um 3,8 Prozent an und zog den marktbreiten europäischen STOXX Europe 600 Index mit auf ein neues Allzeithoch. Dagegen schwächelten die asiatischen Aktienmärkte, wodurch beispielsweise der NIKKEI 225 Index 1,3 Prozent verlor und zusätzlich unter der starken japanischen Währung litt. Auch der MSCI World Index (EUR) kam nur auf einen leichten Zuwachs von +2,1 Prozent.
Die kräftige Wirtschaftserholung zeigte jedoch auch ihre Kehrseite,
was sich in dem weltweiten beschleunigenden Preistrend wiederspiegelte.
Die Konsumentenpreise in den USA verzeichneten den stärksten monatlichen
Preisanstieg seit dem Jahr 2013. Die Kernrate des Preisindex der
Konsumausgaben stieg rasant in Richtung der gewünschten
Zwei-Prozent-Zielmarke der US-Notenbank Federal Reserve System (Fed)
an. Die Notenbanken ließen sich allerdings durch die anziehenden
Inflationsraten nicht aus der Ruhe bringen. Sie sehen dies wegen der
Corona-Pandemie nur als eine temporäre Anstiegssituation. Die entspannte
Haltung der Notenbanken sorgte auch an den Anleihemärkten für Ruhe. Die
Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihen sank wieder und der deutsche
Pendant stieg nur marginal auf -0,24 Prozent.
Anleger sollten die Begriffe Reflation und Inflation nicht verwechseln
Um nachzuvollziehen, warum das Thema Reflation derzeit so stark im
Fokus steht, muss zunächst einmal verstanden werden, was Reflation
bedeutet, was ein reflationäres Umfeld ausmacht und wie es sich von
einem inflationären Umfeld unterscheidet.
Die Reflation kann allgemein als die Anfangsphase einer
wirtschaftlichen Erholung nach einer kontraktiven oder deflationären
Phase definiert werden. Zudem umfasst sie auch die Aussicht auf eine
schrittweise Rückkehr von Produktion und Inflation zu ihren
langfristigen Trends nach einer Rezession oder einem deflationären
Schock (wie zum Beispiel dem Schock, den wir durch die Corona-Pandemie
erlebt haben). Obwohl ein reflationäres Umfeld einen Anstieg der
Inflation mit sich bringt, wird dies für die Weltwirtschaft im
allgemeinen als positiv gesehen, da es mit einer Rückkehr zur
Normalität in Verbindung gebracht wird. Ein reflationäres Umfeld ist
durch einen Anstieg der Gesamtnachfrage, eine Annäherung an die
Vollbeschäftigung und ein Preisniveau gekennzeichnet, das sich
schrittweise dem 2 Prozent-Inflationsziel der Zentralbanken nähert.

Der Unterschied zu einem inflationären Umfeld liegt darin, dass
dieses normalerweise mit einem schrittweisen Anstieg des allgemeinen
Preisniveaus zu einer Zeit verbunden ist, in der die Wirtschaft mit
voller Kapazität arbeitet. Eine Reflation wird also als eine positive
Entwicklung angesehen. Dagegen ist eine Standardinflation eher als
negativ zu sehen, sofern die Preissteigerungen dazu tendieren, die
langfristigen Trends und die Ziele der Zentralbanken zu übersteigen.
Nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie und der ersten Lockdown-Phase im
Jahr 2020 brachten die Regierungen und Notenbanken auf der ganzen Welt
beispiellose politische Unterstützungsmaßnahmen auf den Weg. Damit
sollten die durch die Pandemie verursachten deflationären Kräfte
umgekehrt und verhindert werden, dass eine globale Rezession zu einer
Depression wird. Diese reflationären Maßnahmen in Verbindung mit der
Entwicklung und dem fortschreitenden Einsatz von Covid-19-Impfstoffen
haben die Voraussetzungen für ein reflationäres Umfeld im Jahr 2021
geschaffen.
Wie sind die mittelfristigen Aussichten für Reflation und Inflation?
Die Weltwirtschaft schrumpfte im Jahr 2020 um ca. -3,5 Prozent. Im
Hinblick auf die außerordentliche politische Unterstützung und des
Einsatzes von Covid-19-Impfstoffen erwartet der IWF nun, dass sich die
Weltwirtschaft im Jahr 2021 um etwa 5,5 Prozent erholen kann. Wenn keine
unerwarteten größeren Rückschläge erfolgen, sollte das reflationäre
Umfeld zu einem soliden Wirtschaftswachstum beitragen. Allerdings wird
dieses Wachstum auch im Jahr 2021 regional ungleichmäßig ausfallen und
weiterhin erheblich von der Entwicklung der Corona-Pandemie abhängig
sein.
Nach der globalen Finanzkrise vor mehr als einem Jahrzehnt blieben in
den fortgeschrittenen Volkswirtschaften die Inflationsraten über einen
längeren Zeitraum hinweg auf einem niedrigen Niveau. In vielen Ländern
gab es Phasen mit einem negativem Preiswachstum. Als die
Covid-19-Pandemie die Weltwirtschaft traf, hatte die Inflation noch
nicht wieder das Vor-Krisen-Niveau erreicht. Die Inflation wird in den
fortgeschrittenen Volkswirtschaften im ersten Halbjahr des Jahres 2021
tendenziell teilweise stärker ansteigen, was vor allem auf höhere
Energie- und Rohstoffpreise, Angebotsengpässe und einen positiven
Basiseffekt zurückzuführen ist. Aus heutiger Sicht kann man davon
ausgehen, dass die Inflation im zweiten Quartal dieses Jahres ihren
Höhepunkt erreichen wird.
Insgesamt dürfte die Inflation jedoch auf absehbare Zeit verhalten
bleiben. Dies ist auf eine negative Produktionslücke, Gegenwind durch
strukturelle Einflüsse, wie Demografie, Globalisierung und Technologie
und ein wachsendes Ungleichgewicht zwischen Ersparnissen und
Investitionen zurückzuführen. Da die Inflation derzeit weiter unter dem
gewünschten Zielwert liegt, werden die Zentralbanken in den
fortgeschrittenen Volkswirtschaften wahrscheinlich über vorübergehende
Inflationsschübe hinwegsehen und ihre lockere Politik über einen
längeren Zeitraum beibehalten – das sogenannte „Low for Long“.
Was bedeutet das für die Finanzmärkte?
Ein reflationäres Umfeld, welches durch eine zyklische
Konjunkturerholung, eine äußerst unterstützende makroökonomische Politik
und moderat steigende Preise gekennzeichnet ist, wird im Allgemeinen
als positiv für die Aktienmärkte und Risikoanlagen angesehen.
Die wichtigsten Aktienindizes stiegen von den Tiefstständen im März
2020 um etwa 75 Prozent und erreichten im März dieses Jahres neue
Höchststände. Diese Aktienrallye wurde durch eine von den Zentralbanken
herbeigeführte Liquiditätsflut und einen verbesserten
Wirtschaftsausblick angetrieben. Die Aussicht auf zusätzliche
fiskalische Unterstützung in den USA und die Entwicklung von
Covid-19-Impfstoffen haben die Reflationsdynamik verstärkt und die
sogenannte „Reflation Trades“ ausgelöst.
„Reflation Trades“ begünstigen tendenziell Vermögenswerte, die mit
einem schnelleren Wirtschaftswachstum verbunden sind. Zudem fördern sie
in der Regel eine Rotation in die Vermögenswerte, die während der
Rezessionsphase am meisten gelitten haben. Aktien- und Rohstoffmärkte
entwickeln sich tendenziell besser als andere Märkte, Aktienmärkte in
Schwellenländern besser als die in fortgeschrittenen Volkswirtschaften
und Small Caps und zyklische Sektoren besser als Large Caps und
Wachstumswerte. In einer Reflationsphase führen die Wachstumsaussichten
und die steigenden Inflationserwartungen dazu, dass die Renditen von
Staatsanleihen steigen und hochverzinsliche Anleihen besser abschneiden
als Investment-Grade-Anleihen.
Ein reflationäres Szenario sorgt mit der Zeit aber auch für potenzielle Risiken am Horizont
Die Verabschiedung des 1,9 Billionen USD schweren
US-Pandemie-Hilfsgesetzes hat zusammen mit der allmählichen
Wiederbelebung der US-Wirtschaft und besseren Wirtschaftsdaten zu einem
Anstieg der Inflationserwartungen und einem sprunghaften Anstieg der
Renditen von Staatsanleihen geführt. Die Rendite der 10-jährigen
US-Staatsanleihen stieg von 0,9 Prozent Ende 2020 auf 1,7 Prozent am
Ende des ersten Quartals dieses Jahres. Seitdem ist die Rendite wieder
etwas auf 1,6 Prozent gesunken. Die Renditen europäischer Staatsanleihen
haben sich ähnlich entwickelt und sind fast auf die Niveaus von vor der
Corona-Pandemie zurückgekehrt. Seit Mitte Februar führten die
überzogenen Aktienbewertungen in Verbindung mit ersten Anzeichen einer
Inflation und einem raschen Anstieg der Anleihenrenditen zu
Marktturbulenzen, da die Aktienmärkte höhere Zinsen verarbeiten mussten.
In den USA haben die Sorgen um den Anstieg der Inflation dazu geführt,
dass Anleger befürchten, die Federal Reserve System (Fed) könnte ihre Politik früher als erwartet straffen.
Höhere Renditen werden derzeit als eines der größten Risiken für die
Finanzmärkte angesehen. Ein anhaltender und starker Anstieg der
langfristigen US-Zinsen könnte der noch jungen Konjunkturerholung
schaden, die Aufwärtsbewegung des Marktes zum Stillstand bringen und die
„Reflation Trades“ zunichte machen. Zudem könnte das Risiko höherer
US-Renditen auch den US-Dollar stärken und die Kapitalströme aus den
Schwellenländern zurück in die USA lenken. Obwohl das reflationäre
Umfeld bisher intakt ist, hat sich der Spielraum für weitere Gewinne bei
Risikoanlagen verringert.
Ein Blick auf die aktuellen Anlagestrategien
Die Volkswirtschaften in Europa bleiben zwar von andauernden
Lockdowns geprägt, in der für die Kapitalmärkte wichtigen US-Wirtschaft
zeichnet sich aber der Beginn einer Normalisierung gegen Ende des
zweiten Quartals ab. Als Risikofaktor für die Kapitalmärkte ist ein zu
erwartender recht deutlicher Anstieg der Inflation in den kommenden
Monaten zu nennen, während höhere Anleihe-Renditen als Einflussgröße in
aller Regel überschätzt werden. Die Aussicht auf eine Normalisierung der
US-Wirtschaft dürfte möglichen negativen Inflationseffekten allerdings
entgegenwirken.
So sprechen mittelfristig in einem weiter anhaltenden Nullzinsumfeld
die Dividendenrenditen und Ertragsaussichten für Aktien für Erfolg.
Aufgrund des aktuellen Wirtschaftsszenarios werden konjunktursensitive
Werte und damit auch das Segment kleinerer und mittelgroßer Unternehmen
auf Erholungskurs bleiben. Aber auch bei Value-Aktien gibt es weiterhin
Potenzial und auch defensive Unternehmen mit einer soliden
Dividendenhistorie sollten besser abschneiden als Unternehmensanleihen
mit Anlagequalität.
Nach der derzeitigen längeren Phase eines insgesamt positiven
Börsentrends sind Gewinnmitnahmen weiter wahrscheinlicher geworden. Ohne
signifikante negative Nachrichten sind Korrekturphasen jedoch meist von
kurzer Dauer und würden eher weiter Einstiegsmöglichkeiten zum
Nachkaufen bieten. Anlagestrategisch sprechen in einem anhaltenden
Nullzinsumfeld die Dividendenrenditen und Ertragsaussichten für weiter
Aktien. Die Verteilung von Impfstoffen hat sich mittlerweile verbessert,
aber die neuen Mutationen des Coronavirus bleiben vermehrt im Fokus.
Die aktuelle Datenlage zu den Impfstoffen spricht weiter nicht dafür,
dass das wirtschaftliche Erholungsszenario gefährdet wäre. Die
Wirtschafts- und Börsentrends werden aber auf jeden Fall nicht
geradlinig verlaufen.
Trotz einer möglicherweise hohen Marktvolatilität in den kommenden
Monaten, sollte man sich als Anleger zunehmend auf eine weitgehende
Normalisierung der wirtschaftlichen Aktivität in den kommenden 12-24
Monaten einstellen. Zu berücksichtigen gilt auch, dass sich die
relevanten Stellen, wie Regierungen, Gesundheitssysteme, Einzelpersonen
und Unternehmen seit Monaten viel dazu gelernt haben, mit der Situation
umzugehen. In der aktuellen Phase sind Unternehmen zu bevorzugen, die
sich bisher in wirtschaftlich schwierigen Zeiten bewährt haben und eine
solide Bilanz aufweisen.
Weiterhin sorgen dennoch Dividendenwerte für gute Erträge und der
regionale Fokus im Aktienbereich bleibt weiter auf Europa und den USA
gerichtet. Als interessantes langfristiges Thema zur Depotbeimischung
kann der Fokus auf eine „Alternde Gesellschaft“ gelegt werden und über
unterschiedliche Anlagemöglichkeiten abgebildet werden. Auch globale
Immobilienaktienfonds können zur Depotdiversifikation beitragen, denn
stabile Dividendenzahlungen durch regelmäßige Mieterträge und die
Partizipation an aussichtsreichen Langfristtrends zeichnen diesen
Anlagebereich aus. Da die Renditen für Staatsanleihen in Europas
Kernländern bei kurzen bis mittelfristigen Laufzeiten oft negativ sind,
bleibt das Umfeld für Anleihen-Investoren weiter eine Herausforderung.
Auch nach dem die Kreditaufschläge in der letzten Zeit zurückgegangen
sind, bleiben die Unternehmensanleihen weiterhin die bessere
Ertragsperspektive als die Staatsanleihen. In diesem Umfeld sollten
Unternehmensanleihen aus dem gesamten Euroraum weiter den Vorzug
bekommen.

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Zeitraum (wie angegeben) bestimmt.
Externe Quellen:
- Kategorie-Durchschnitte: monatliche Berechnung durch EDISOFT GmbH über das Fondsuniversum der FVBS-Datenbank
- Zinsen (Festgeld, Sparbuch): monatliche Durchschnittswerte der Dt. Bundesbank aus Meldungen deutscher Kreditinstitute
- Inflation: monatliche Zahlen des Statistischen Bundesamts
- Goldpreis: offizieller Feinunzen-Preis/London
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Bildnachweis
Quelle: Bereich „Anleger sollten die Begriffe Reflation und Inflation nicht verwechseln“ von ETHENEA Independent Investors S.A.